Gloedens Begabung, seine Modelle anmutig zu arrangieren, und die Verwendung spezieller Filter in der Gestaltung der Fotografien schufen eine eigentümliche Aura, wie sie thematisch ähnlichen Werken von Zeitgenossen meistens fehlt. In ihrer Art durchaus beachtliche Bilder von Gloedens Cousin Wilhelm von Plüschow, der in Rom lebte, und seinem zeitweiligen Assistenten Franceso Galdi sind dafür mitunter viel unverblümter. Zweifellos wurde jedoch auch Gloedens diskret sinnliche Botschaft von Gleichgesinnten verstanden. Es ist daher anzunehmen, dass seine verhältnismäßig eindeutigeren Darstellungen, etwa von sich umarmenden Freundespaaren, eher in derartigen speziellen Magazinen (die es besonders in Deutschland schon gab) veröffentlicht wurden, aber kaum in für ein breites Publikum bestimmten Zeitschriften.



Gloedens Haus mit seinem prächtigen Garten gehörte zu den Sehenswürdigkeiten von Taormina, und sein Gästebuch enthielt glänzende Namen: Schriftsteller wie Anatole France, Gabriele D'Annunzio und Oscar Wilde, die Schauspielerin Eleonara Duse, europäische Aristokraten und amerikanische Industrielle wie Rothschild, Krupp, Vanderbilt, bis hin zu gekrönten Häuptern wie König Edward VII. von Großbritannien und dem König von Siam. Es war hauptsächlich Gloeden zu verdanken, dass aus dem vergessenen und verarmten Taormina ein viel besuchtes Touristenziel wurde, wie es in einem Reiseführer von 1902 beschrieben wird:

"Man hat die Auswahl unter nicht weniger denn acht Hotels, von fünf 'Grand Hôtels' angefangen, wo deutsche Kommerzienräte und Exzellenzen mit Engländern und Amerikanern im Abendanzug dinieren, bis herab zur einfachen, aber urgemütlichen Malerherberge, wo sich jeder ungezwungen gibt und keine blasierten Globetrotter anzutreffen sind, dafür ernste, fleißige Philologen, mit scharfen Brillen, immer auf der Suche nach antiken Monumenten und Inschriften, und schönheitsdurstige Künstler und Schriftsteller mit der heißen Liebe zu dem herrlichen Land Italien."